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Das Enneagramm-Lexikon

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Fachausdrücke

Die Fachsprache des Enneagramms und insbesondere die einzelnen Fachausdrücke sind nicht einheitlich. Die Autoren der diversen Enneagramm-Bücher stammen aus unterschiedlichen Kultur- und Sprachräumen und geben zudem ihren Werken differenzierte Prägungen, etwa hin zur psychologischen Seite oder hin zur spirituellen Ausrichtung des Enneagramms. Diese Umstände bedingen - oft noch in Zusammenhang mit Übersetzungsproblemen - beachtliche Verwirrungen.

So kommt es durchaus vor, dass ein bestimmter Fachausdruck von verschiedenen Autoren für unterschiedliche Inhalte benutzt wird (Beispiel: Mit dem Ausdruck Beziehungen können sowohl - objektive - Zugehörigkeit als auch - innere - Zuneigung gemeint sein, obgleich diese Inhalte ungleichen Grundbedürfnissen - Triaden - zugerechnet werden).

Umgekehrt kann es sein, dass zu einem näher umrissenen sachlichen Gehalt unterschiedliche Fachausdrücke gebraucht werden (Beispiel: Die Idee der Leidenschaften wird auch mit den Bezeichnungen Wurzelsünden, Fallen, Täuschungen belegt).

Infolge dieser Sprachschwierigkeiten, Ausdrucksprobleme und Übersetzungsungenauigkeiten ist es notwendig, stets die inhaltlichen Gesichtspunkte zu hinterfragen, wenn es um Vergleiche zu Ausführungen in der Enneagramm-Literatur geht.

 

Fallen

Dem Ausdruck Fallen werden in der Enneagramm-Literatur unterschiedliche Konzepte zugeordnet.

Beim Verständnis von Fallen im Sinne von vordergründig zunächst anstrebenswert erscheinenden Haltungen und Verhaltensweisen, die sich bei näherer Betrachtung jedoch als nur scheinbar förderlich auf die Persönlichkeitsentwicklung auswirken, erweisen sich Fallen eher als Versuchungen, die letztlich der Persönlichkeitsentwicklung doch nicht nutzen.

Fallen oder Versuchungen in diesem Sinne sind im System des Enneagramms

  • für Enneagramm-Typ 1 - Vollkommenheit
  • für Enneagramm-Typ 2 - Helfen
  • für Enneagramm-Typ 3 - Tüchtigkeit
  • für Enneagramm-Typ 4 - Echtheit
  • für Enneagramm-Typ 5 - Wissen
  • für Enneagramm-Typ 6 - Sicherheit
  • für Enneagramm-Typ 7 - Vielseitigkeit
  • für Enneagramm-Typ 8 - Geradlinigkeit
  • für Enneagramm-Typ 9 - Harmonie

Werden dem Begriff Fallen hingegen Eigenheiten beigemessen, deren Inhalte denen der Leidenschaften oder Wurzelsünden ähneln oder entsprechen, so bleibt in der Enneagramm-Literatur die Frage offen, weshalb zusätzlich zu diesen Ausdrücken die Bezeichnung Fallen überhaupt in Gebrauch ist. Eine Begriffsverwirrung liegt hier nahe.

 

Fehler

Die Menschen, die sich dem Enneagramm-Typ 1 zurechnen, vermeiden jedwede Aktivitäten, die Ansatzpunkte für etwas enthalten könnten, was in ihren Augen als Fehler anzusehen wäre. Hierzu zählen insbesondere Situationen, die eine Entscheidung erfordern, deren Auswirkungen im Ungewissen bleiben. Der Enneagramm-Typ 1 schiebt damit die ihm unangenehme Erfahrung zur Seite, dass es für ihn unausweichlich ist, selbst immer wieder seiner eigenen Unvollkommenheit zu begegnen.

 

Flügel

Abbildung: FlügelAls Flügel werden im System des Enneagramms die beiden Punkte bezeichnet, die in der grafischen Darstellung des Enneagramms auf der Kreislinie zu einem jeden Enneagramm-Typ benachbart eingezeichnet sind.

Dem Begriff der Flügel liegt inhaltlich die Annahme zugrunde, dass die Persönlichkeitsmerkmale jedes Enneagramm-Typs häufig durch Merkmale der unmittelbar benachbarten Typen ergänzt werden. Dabei soll der Einfluss eines der beiden Flügel zumeist stärker ausgeprägt sein als der des jeweils anderen Flügels.

Die Überlegungen zu den Flügeln im System des Enneagramms beruhen auf vielfältigen Beobachtungen, eine abschließende Klärung hat jedoch noch nicht stattgefunden.

 

 

Flügeltheorie

Der Kerngedanke der Flügeltheorie im Enneagramm beinhaltet, dass die Persönlichkeit jedes Menschen neben den ihn prägenden Eigenschaften seines grundlegenden Enneagramm-Musters auch Eigenheiten aus dem Bereich wenigstens eines der Muster aufweist, die zu diesem Grundtyp benachbart auf der Kreislinie dargestellt werden.

Hierzu vertritt die Mehrzahl der Autoren in der Enneagramm-Literatur die Auffassung, jedem Enneagramm-Typ könne grundsätzlich jeder der beiden ihm benachbarten Punkte als Flügelmuster zugeordnet werden, zumeist dominiere aber der Einfluss nur eines der beiden Nachbarmuster. Zur Stützung dieser Betrachtungsweise wird vorgetragen, dass erfahrungsgemäß räumlich benachbarte Positionen in vielen Lebensbezügen auch inhaltliche Bezüge zueinander aufweisen.

Nach einer Mindermeinung in der Enneagramm-Literatur erfolgt lediglich zu den Enneagramm-Typen 3, 6 und 9 eine Zuordnung der ihnen jeweils benachbarten Muster als Flügel. Diese Auffassung wird verbunden mit dem Hinweis, dass diese drei Typen die zentralen Punkte in den Triaden bilden und ein Zusammenhang mit den ihnen jeweils benachbarten Mustern dem im Enneagramm wesentlichen Aspekt der Balance entspricht.

Weitere Begründungsansätze zur Flügeltheorie im System des Enneagramms finden sich in der deutschsprachigen Enneagramm-Literatur sonst nur spärlich.

Eine kritische Vertiefung und Fortführung der vorstehend angesprochenen Gedanken führt zu folgenden Überlegungen:

Nach der erwähnten Mindermeinung lässt sich die Flügeltheorie für die Enneagramm-Muster 3, 6 und 9 mit dem Gesichtspunkt der Balance bestenfalls eingeschränkt rechtfertigen, weil Balance letztlich voraussetzt, dass bei der Betrachtung einer Einzelpersönlichkeit, die sich einem der zentralen Enneagramm-Muster zurechnet, regelmäßig beiden jeweiligen Flügeltypen auch tatsächlich die gleiche Gewichtung zukommt. Dies mag zwar als Entwicklungsziel dieser einzelnen Persönlichkeit wünschenswert erscheinen, entspricht jedoch den Gegebenheiten in der Wirklichkeit nur selten.

Diese Einschränkung lässt sich überwinden, wenn man auf die jeweiligen Energie der Herz-, Kopf- und Bauchtriade abstellt. Denn in der spezifischen Art dieser drei Energien ist auch ohne den Aspekt der Balance eine Klammer zu finden, durch die das zentrale Muster einer Triade mit seinen Nachbarpunkten eine eigentümliche Verbindung bildet, und zwar jeweils einzeln mit ihnen. Die jeder Triade eigene Energie als gemeinsamer Hintergrund aller drei ihrer Muster dient dann auch als gemeinsamer Nenner für die Sonderverknüpfung zwischen den zentralen Mustern 3, 6 und 9 und jedem einzelnen der ihnen benachbarten Enneagramm-Typen.

Eine weitere enneagramm-spezifische Begründung der Flügeltheorie hinsichtlich der Muster 3, 6 und 9 ergibt sich, wenn man nicht nur die Art der Energie innerhalb jeder Triade, sondern auch die Energieausrichtungen dieser drei zentralen Muster sowie die ihrer jeweiligen Nachbartypen in die Überlegungen einbezieht. Nach herkömmlicher Auffassung in der Enneagramm-Literatur richten Menschen, die sich den zentralen Enneagramm-Mustern zurechnen, ihre psychischen Energien sowohl auf ihr innerliches Erleben als auch auf die äußeren Gegebenheiten ihres Lebensumfeldes aus, bei diesen Enneagramm-Typen ist also eine Energieausrichtung nach zwei Seiten hin gegeben. Dies hat zur Folge, dass die andererseits im wesentlichen einseitige Energieausrichtung der übrigen sechs Enneagramm-Muster (entweder nach innen, so bei den Typen 4, 7 und 1 – oder nach außen, so bei den Typen 2, 5 und 8) notwendigerweise in - angenähert hälftiger - Übereinstimmung steht mit der zweiseitigen Energieausrichtung der ihnen benachbarten zentralen Enneagramm-Muster. Es lässt sich also auch unter dem Aspekt der Energieausrichtungen eine je einzelne Verklammerung zwischen den mittleren Typen und ihren jeweiligen Nachbarmustern feststellen.

Damit kann als Zwischenergebnis folgendes festgestellt werden:

Hinsichtlich der Musterpaare 3 und 2, 3 und 4, 6 und 5, 6 und 7, 9 und 8 sowie 9 und 1 ist die Flügeltheorie aus zwei einander ergänzenden Gesichtspunkten zu rechtfertigen: Zum einen aus der Zugehörigkeit jedes dieser Musterpaare zur gleichen Triade und damit zur gleichen Energieart, zum anderen aus der sich überschneidenden, zumindest teilweise deckungsgleichen Energieausrichtung jedes dieser Musterpaare. Für die Enneagramm-Typen 2, 3 und 4 sowie 5, 6 und 7 und schließlich 8, 9 und 1 ist zur Begründung der Flügeltheorie zudem der im System des Enneagramms wesentliche Aspekt der Balance anzuführen. - Hinzu kommt weiterhin, dass mittels einer Verbindung zwischen einem zentralen Muster der Triaden und einem seiner Nachbartypen ein Perspektivwechsel, ein Übergang zwischen der Balance des inneren Dreiecks und dem ständigen Wandel, den das unregelmäßige Sechseck symbolisiert, erleichtert wird.

Eine Rechtfertigung der Flügeltheorie in Hinblick auf die Paare der Enneagramm-Muster 1 und 2, 4 und 5 sowie 7 und 8 kann hingegen nicht auf die vorstehenden Überlegungen gestützt werden, weil bei diesen Musterpaaren weder eine Übereinstimmung zur Energieart noch zur Energieausrichtung gegeben ist. Denn zum einen gehören die einzelnen Muster jedes der vorstehend genannten Paare zu unterschiedlichen Triaden, zum anderen sind ihre jeweiligen Energien entweder nach innen oder nach außen orientiert. Außer der Nachbarschaft dieser Enneagramm-Punkte auf der Kreislinie sind keine enneagramm-spezifischen Aspekte ersichtlich, denen zufolge eine besondere Verbindung zwischen diesen Musterpaaren begründbar erscheint. Bestenfalls könnte man daran denken, sich die Kreislinie nicht als Strich, sondern als Verbund von neun ineinander greifenden Kettengliedern vorzustellen, von denen jedes angesichts der Besonderheit dieser die eigene Grenze überschreitenden Konstruktion mit seinen Nachbargliedern einen direkten, weitflächigen, ausgeprägteren Kontakt aufweist, als dies zu den entfernteren, nicht unmittelbarer Berührung unterliegenden anderen Gliedern im Kreisbogen gegeben ist.

Zur Begründung der Flügeltheorie hinsichtlich der Musterpaare 1 und 2, 4 und 5 sowie 7 und 8 kann man aber darauf abstellen, dass jedem dieser Paare eine bestimmt Strategie zum Lösen von Konflikten gemeinsam ist: Die Enneagramm-Typen 1 und 2 passen sich unter Druck zumeist den Anforderungen ihres Über-Ichs an und richten ihre Verhaltensweisen dann an dem aus, was sie als ihre Pflicht erachten. Die Enneagramm-Muster 4 und 5 hingegen reagieren bei Bedrängnis im Regelfall mit Rückzug. Die Enneagramm-Typen 7 und 8 schließlich begegnen Anspannungen oftmals mit eher als aggressiv zu umschreibenden Vorgehensweisen.

Diese drei Möglichkeiten, mit Konflikten umzugehen, sind allerdings gedankliche Konstruktionen, die nicht originär im System des Enneagramms entwickelt wurden. Vielmehr handelt es sich um Überlegungen, die Karen Horney in Fortführung der Arbeit von Sigmund Freud darlegte. Eine Eingliederung dieser Gedanken zu Konfliktlösungsmöglichkeiten in das Enneagramm ist jedoch stimmig, ohne erkennbaren Bruch möglich, auch wenn es sich letztlich nur um einen Ansatz zur Begründung der Flügeltheorie in Hinblick auf die Musterpaare 1 und 2, 4 und 5 sowie 8 und 9 handeln kann.

Daneben lässt sich der bereits oben angesprochene Hinweis auf die allgemeine Erfahrung, dass räumlich benachbarte Positionen auch inhaltliche Bezüge einzuschließen pflegen, dahingehend erweitern, dass in aller Regel zwar die erwähnten Musterpaare Gemeinsamkeiten aufweisen, andere – zumindest hypothetisch zusammenstellbare – Kombinationen von Enneagramm-Mustern, die unterschiedlichen Triaden zugeordnet sind, jedoch bei weitem weniger miteinander vereinbar erscheinen. So fällt es nicht leicht, sich eine flügelähnliche Verbindung etwa zwischen den Mustern 3 und 5 oder zwischen den Typen 4 und 8 vorzustellen.

Zusammenfassend kann Folgendes festgehalten werden:

Nach dem derzeitigen Erkenntnisstand lässt sich die Flügeltheorie im System des Enneagramms jedenfalls partiell rational begründen. Zudem ist es möglich, sie empirisch zu rechtfertigen. Eine durchgehend streng logische Ableitung kann von vornherein nicht erwartet werden, weil das System des Enneagramms nicht zu den Naturwissenschaften rechnet – denen selbst vielfache Unstetigkeiten eigen sind - , sondern von psycho-logischen Gesichtspunkten bestimmt wird, die sich letztlich nur begrenzt fassbar aus der Logik der Seele ergeben.

 

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