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Grundsätzliche Gedanken zum Enneagramm:

Der Enneagrammtyp - ein Wesen mit Flügeln?

In vielen Enneagramm-Büchern finden sich Ausführungen zu den so bezeichneten "Flügeln". Hiermit umschreiben die Autoren auf bildhaftem Hintergrund die Vorstellung, dass die Persönlichkeit jedes Menschen neben den ihn prägenden Eigenschaften seines grundlegenden Enneagramm-Musters auch Eigenheiten aus dem Bereich wenigstens eines der beiden Muster aufweist, die in der grafischen Darstellung des Enneagramms zu diesem Grundtyp benachbart dargestellt werden.

Diesen Gedanken nachbarschaftlich orientierter Typenkombinationen unterbreiten die Autoren in uneinheitlicher Weise. Die Mehrzahl vertritt die Auffassung, jedem der 9 Enneagramm-Typen könne jeder der beiden ihm benachbarten Punkte als Flügelmuster zugeordnet werden, zumeist aber dominiere der Einfluss eines der beiden Muster, während das andere eine eher untergeordnete Rolle spiele. Gestützt wird diese Betrachtungsweise auf die allgemeine Erfahrung, dass im Leben Gegebenheiten, die sich in räumlicher Nähe zueinander befinden, oft auch mehr oder minder stark ausgeprägte inhaltliche Bezüge zueinander aufweisen.

Nach einer Mindermeinung in der Enneagramm-Literatur werden lediglich den Enneagramm-Mustern 3, 6 und 9 die ihnen jeweils benachbarten Mustern als Flügel zugeordnet. Diese Auffassung basiert auf dem Gedanken, dass diese drei Typen als zentrale Punkte der Herz-, Kopf- bzw. Bauchtriade den Mittelpunkt des Gleichgewichts in der jeweiligen Triade bilden und dass im System des Enneagramms der innerpersönlichen Balance wesentliche Bedeutung zukommt.

Jedenfalls in der deutschsprachigen Enneagramm-Literatur gibt es keine Begründungsansätze, die über die vorstehenden Skizzierungen merklich hinausreichen. Damit stellt sich die Frage, welche weiteren Überlegungen sowohl zur Kritik als auch zur Vertiefung der bereits angesprochenen Gedanken zu den "Flügeln" im System des Enneagramms dienen können.

Nach der erwähnten Mindermeinung, die auf Balance abstellt, lässt sich die Flügeltheorie für die Enneagramm-Muster 3, 6 und 9 bestenfalls eingeschränkt rechtfertigen. Denn Balance - soll sie von gewisser Dauer sein - setzt wesentlich voraus, dass den beiden Flügelmustern, mit denen der zentrale Typ verbunden sein soll, tatsächlich die gleiche Gewichtung zukommt. Fehlt es hieran, kippt das Gleichgewicht alsbald in die eine oder in die andere Richtung, zumindest aber kommt es zu mehr oder weniger heftigen Ausschlägen. Beständige Balance mag durchaus als Entwicklungsziel dieser zentralen Persönlichkeitsmuster erscheinen, in der Lebenswirklichkeit entspricht sie den tatsächlichen Gegebenheiten indes höchst selten.

Diese Einschränkung lässt sich zu den Enneagramm-Mustern 3, 6 und 9 überwinden durch eine Betonung der jeweiligen Energien der Herz-, Kopf- und Bauchtriade. Denn in der spezifischen Art dieser drei Energien ist auch ungeachtet des Aspekts der Balance eine Klammer zu finden, durch die das zentrale Muster einer Triade eine eigentümliche Verbindung mit seinen Nachbarpunkten bildet. Die jeder Triade eigene Energie dient so gesehen als gemeinsamer Nenner für die Sonderverknüpfungen zwischen den zentralen Mustern des Enneagramms und jedem einzelnen der ihnen benachbarten Enneagramm-Punkte.

Eine weitere enneagramm-spezifische Begründung der Flügeltheorie hinsichtlich der Muster 3, 6 und 9 ergibt sich, wenn man nicht nur auf die Art der Energie innerhalb jeder Triade abstellt, sondern zudem die Energieausrichtungen sowohl dieser drei zentralen Muster als auch ihrer jeweiligen Nachbartypen in die Überlegungen einbezieht. Nach herkömmlicher Auffassung in der Enneagramm-Literatur richten Menschen, die sich den zentralen Enneagramm-Mustern zurechnen, ihre psychischen Energien in gleicher Intensität sowohl auf ihr inneres Erleben als auch auf die äußeren Gegebenheiten ihres Umfeldes aus. Diese Energieausrichtung nach beiden Seiten hin mag zwar einerseits zu Problemen im Sinne von Energievergeudung oder von innerpersönlichen Blockaden infolge einander widerstreitender Kräfte führen, jedoch bietet diese Mehrseitigkeit auch hilfreiche Aspekte, und zwar in folgender Hinsicht:

Geht man davon aus, dass die übrigen sechs Enneagramm-Muster ihre jeweiligen Energien eher einseitig ausrichten (entweder nach innen, so bei den Typen 4, 7 und 1 - oder nach außen, so bei den Typen 2, 5 und 8), so bewirkt diese Einseitigkeit doch wiederum eine bemerkenswerte Gemeinschaftlichkeit mit der zweiseitigen Energieausrichtung des jedem von ihnen benachbarten zentralen Enneagramm-Musters. Denn wegen ihrer einseitigen Energieausrichtung "passen" diese sechs dezentralen Enneagramm-Muster gerade zu dem jeweiligen mit zweiseitiger Energieausrichtung ausgestatteten zentralen Nachbartyp, nicht aber zu dem jeweiligen dezentralen Nachbartyp, weil dieser lediglich mit der gegenteiligen Energieausrichtung versehen ist. Damit lässt sich auch unter dem Gesichtspunkt der Energieausrichtung eine Verklammerung zwischen den mittleren Mustern des Enneagramms und jedem ihrer jeweiligen Nachbarmuster herausarbeiten.

Damit ist als Zwischenergebnis Folgendes festzuhalten:

Die "Flügeltheorie" im System des Enneagramms findet jedenfalls hinsichtlich der Musterpaare 3 und 2, 3 und 4, 6 und 5, 6 und 7, 9 und 8 sowie 9 und 1 aus zwei einander ergänzenden Gesichtspunkten ihre Rechtfertigung: Zum einen aus der Zugehörigkeit jedes dieser Musterpaare zur gleichen Triade und damit zur gleichen Energieart, zum anderen aus den sich überschneidenden, zumindest teilweise deckungsgleichen Energieausrichtungen jedes dieser Musterpaare. Bezüglich der Enneagramm-Typen 2, 3 und 4 sowie 5, 6 und 7 und schließlich 8, 9 und 1 ist zur Rechtfertigung der Flügeltheorie zudem der im System des Enneagramms wesentliche Aspekt der Balance von Bedeutung.

Ergänzend ist noch anzumerken, dass durch die gedanklichen Verknüpfungen zwischen den zentralen Mustern der Triaden und ihren jeweiligen Nachbartypen ein Perspektivwechsel, ein Übergang zwischen dem Symbolgehalt der Balance des inneren Dreiecks in der grafischen Darstellung des Enneagramms und dem symbolischen Hinweis auf ständigen Wandel, der im unregelmäßigen Sechseck zum Ausdruck kommt, erleichtert wird.

In Hinblick auf die Paare der Enneagramm-Muster 1 und 2, 4 und 5 sowie 7 und 8 kann die Flügeltheorie allerdings nicht auf die vorstehenden Überlegungen gestützt werden, weil bei diesen Musterpaaren weder eine Übereinstimmung der Energieart noch der Energieausrichtung gegeben ist; erst recht fehlt es hier an einer Balance. Denn zum einen gehören die einzelnen Typen aus den vorstehend aufgeführten Paaren zu unterschiedlichen Triaden, zum anderen sind ihre Energien entweder nach innen oder nach außen orientiert. Unter Ausnahme der bloßen Nachbarschaft dieser Enneagramm-Punkte auf der Kreislinie sind keine enneagramm-spezifischen Aspekte ersichtlich, aufgrund derer eine besondere Verbindung zwischen diesen Musterpaaren begründbar erscheint. Bestenfalls könnte man daran denken, sich die Kreislinie als Verbund von neuen ineinander greifenden Kettengliedern vorzustellen, von denen jedes angesichts dieser die eigene Begrenztheit übersteigenden Konstruktion gerade mit seinen Nachbargliedern einen direkten Kontakt, eine unmittelbare Berührung, aufweist, während diese Besonderheit hinsichtlich der jeweils anderen sechs Glieder im Kreisbogen nicht vorliegt.

Zur Rechtfertigung der Flügeltheorie hinsichtlich der Musterpaare 1 und 2, 4 und 5 sowie 7 und 8 kann jedoch die Überlegung dienen, dass jedem dieser Paare eine bestimmte Strategie zum Lösen von Konflikten gemeinsam ist: Die Enneagramm-Typen 1 und 2 passen sich unter Druck zumeist den Anforderungen ihres Über-Ichs an und richten ihre Verhaltensweisen dann an dem aus, was sie als ihre Pflicht erachten. Die Enneagramm-Muster 4 und 5 hingegen reagieren bei Bedrängnis in der Regel mit Rückzug. Die Enneagramm-Typen 7 und 8 schließlich begegnen Anspannungen oftmals mit als aggressiv zu umschreibenden Vorgehensweisen.

Diese drei Möglichkeiten, mit Konflikten umzugehen, sind allerdings gedankliche Konstruktionen, die nicht originär im System des Enneagramms entwickelt wurden. Vielmehr handelt es sich um Überlegungen, die Karen Horney in Fortführung der Arbeit von Sigmund Freud darlegte. Eine Eingliederung dieser Gedanken über Strategien in Konfliktsituationen in das System des Enneagramms erscheint indes als durchaus stimmig und ohne erkennbaren Bruch möglich, auch wenn es sich nur um einen Ansatz zur Begründung der Flügeltheorie in Hinblick auf die Musterpaare 1 und 2, 4 und 5 sowie 8 und 9 handeln kann.

Letztlich zusammengefasst findet die in der Enneagramm-Literatur weit verbreitete, dort aber kaum begründete Flügeltheorie eine rechtfertigende Abstützung zunächst in der allgemeinen Lebenserfahrung, dass räumlich benachbarte Positionen in vielen Fällen auch inhaltliche Bezüge aufweisen. Hinsichtlich der erwähnten Musterpaare bedeutet dies, dass bei diesen Kombinationen eher mit Gemeinsamkeiten zu rechnen ist als bei anderen - zumindest hypothetisch zusammenstellbaren - Verbindungen von Enneagramm-Typen. So fällt es beispielsweise nicht leicht, sich eine "flügelähnliche" Verknüpfung etwa zwischen den Mustern 3 und 5 oder zwischen den Punkten 4 und 8 vorzustellen.

Darüber hinaus ergeben sich enneagramm-spezifische Argumente zur Flügeltheorie für die zentralen Muster der Triaden aus der Art und aus der Ausrichtung ihrer Energien, zudem - mit den erwähnten Einschränkungen - aus dem Aspekt der Balance im Enneagramm.

Bezüglich der übrigen - dezentralen - Enneagramm-Muster bietet sich wegen ihrer benachbarten Positionen in der grafischen Darstellung des Enneagramms argumentativ - als bildhafte Verdeutlichung - die besondere Verbundenheit zusammenhängender Kettenglieder an, zudem - über das Enneagramm hinausgreifend - ein Hinweis auf ihnen gemeinsame Strategien im Umgang mit Konflikten.

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